Zwift-Everesting: „Es wird immer schlimmer!“

Vor fast einem Jahr wagte Frederik Böna am Königsstuhl einen Everesting-Versuch – der nach 310 Kilometern und 8964 Höhenmeter gelang. Diesmal nahm sich das R2C2-Mitglied eine noch härtere Prüfung vor: ein virtuelles Everesting auf Zwift. Eine harte Prüfung gerade für jemanden, der von sich behauptet, dass ihm selbst 20 Minuten auf Zwift mental schon ziemlich zusetzen. Für den R2C2 berichtet Frederik von seinen Erfahrungen.

Wie kommt man auf die Idee, ein virtuelles Everesting auf Zwift zu machen? Wenn ich ganz ehrlich bin, frage ich mich das immer noch selbst.
Nachdem ich gemeinsam mit meiner Freundin am 2. Januar über ihr Team RC ARBÖ SK VÖEST an einer 12-Stunden-Spendenaktion auf Zwift teilgenommen hatte, waren wir uns eigentlich sicher, etwas Vergleichbares nie wieder zu machen. Dabei hatten wir nur acht Stunden durchgehalten, bevor es uns mental schlichtweg genug war und wir es gut sein ließen.
Doch wie das nun einmal so häufig ist, verblassen die negativen Erinnerungen sehr bald und irgendwann, mit einer Mischung aus Verklärung und Dummheit, denkt man zurück und findet es gar nicht mehr so schlimm.

So war es auch bei meiner Freundin und mir. Bereits nach ein paar Tagen, als das Wetter wieder einmal katastrophal schlecht war, kamen wir auf die Idee, dass wir doch auch mal ein virtuelles Everesting auf Zwift machen könnten. Ein Bekannter von mir, dessen Stärken nicht unbedingt am Berg liegen, hatte das bereits erfolgreich gemeistert. Machbar sollte es also auf jeden Fall sein und im besten Fall auch eine gute Vorbereitung auf mein geplantes Double Everesting im April.

Relativ schnell stand unser Entschluss fest, jetzt war nur noch die Frage, wann wir das virtuelle Everesting angehen würden. Da meine Freundin am 4. Februar Geburtstag hat und – genau wie ich – zur Feier des Tages und als „Geschenk an sich selbst” traditionell immer irgendeine verrückte Aktion macht, war die Frage des Datums ziemlich schnell geklärt – Donnerstag, 4. Februar!

In den Tagen davor ließen wir es relativ locker angehen, um die Aktion einigermaßen erholt anzugehen. Am Tag vorher fuhr ich eine kurze Vorbelastung und fühlte mich dabei nicht besonders gut. Irgendwie war meine Herzfrequenz höher als sonst. War ich „zu gut“ erholt? Hatte ich einen Infekt in mir? War es das fast schon frühlingshafte Wetter an diesem Tag, für das ich vollkommen falsch, nämlich viel zu warm, angezogen war? Ich blieb trotzdem gelassen – wird schon irgendwie klappen, ein Rennen, in dem es um etwas geht, ist es ja ohnehin nicht.

Die Nervosität hielt sich dementsprechend auch in Grenzen, sowohl bei mir, als auch bei meiner Freundin. Nach einer erholsamen Nacht bauten wir am Donnerstagmorgen unsere beiden virtuellen Smarttrainer von Wahoo auf und starteten um 08:20 Uhr unser virtuelles Everesting. Als Anstieg hatten wir die Alpe du Zwift gewählt, einen 12,22km langen Anstieg mit insgesamt 1036hm. Während meine Freundin sich den Anstieg vorher ein paar Mal angesehen hatte und dementsprechend wusste, was auf sie zukommt, ließ ich mich einfach überraschen.

Leider erwies sich das als keine besonders gute Idee. Der Anstieg stellte sich als ziemlich steil heraus, vorausgesetzt, man stellt den Widerstand des Trainers bei Zwift auf 100% ein, was allerdings ohnehin eine Voraussetzung für ein virtuelles Everesting ist. Eine Änderung des Widerstands macht den Avatar weder schneller noch langsamer, denn es zählt nach wie vor die tatsächlich erbrachte Leistung. Man reguliert so lediglich den vorgegebenen Widerstand. Bei einem Widerstand von 100% fühlt sich eine steile Rampe in einer virtuellen Welt bei Zwift ungefähr genauso an, wie sie es sich in der Realität anfühlt. Man ist dann also dazu gezwungen, deutlich mehr zu schalten. Wattzahl und Geschwindigkeit bleiben aber davon unbeeinflusst.

Die 14%-Steigung der Alpe du Zwift fühlten sich also tatsächlich wie 14% in der Realität an. Das war für mich neu. Überrascht war ich aber vor allem davon, wie oft die Steigung der Alpe du Zwift zweistellig ist! Damit hatte ich nicht gerechnet. Leider kam dann auch noch hinzu, dass mein größtes Ritzel, ein 28er, nicht funktionierte und ich als einfachsten Gang somit lediglich die Übersetzung 34/26 fahren konnte. Bei immer wieder zweistelliger Steigung und der nur eingeschränkten Möglichkeit, im Stehen fahren zu können, war das natürlich alles andere als ideal, angesichts der Tatsache, dass ich bei langen Anstiegen normalerweise gerne eine relativ hohe Trittfrequenz fahre.

Trotzdem lief es zu Beginn eigentlich ganz ordentlich. Die ersten fünf Auffahrten schaffte ich relativ problemlos in jeweils unter einer Stunde Fahrzeit. Oben wendete ich und fuhr wieder direkt nach unten. In den Abfahrten ließ ich es größtenteils rollen und konzentrierte mich darauf, genug zu essen und zu trinken. Unten im Tal angekommen, wendete ich sofort wieder, um keine unnötigen Kilometer ohne Höhenmeter zu sammeln. Meine schnellste Auffahrt legte ich beim dritten Mal mit einer Zeit von ziemlich genau 55 Minuten hin. Für die sechste Auffahrt brauchte ich dann zum ersten Mal mehr als eine Stunde Fahrzeit, allerdings gerade einmal etwas mehr als eine Minute. Ich war also immer noch ganz ordentlich unterwegs.

Allerdings wurde es mental zunehmend hart. Ich kenne inzwischen ziemlich viele Radsportler, die sehr viel Spaß dabei haben, sich auf Zwift zu quälen. Ich selbst kann damit irgendwie nicht viel anfangen. Radsport findet für mich draußen auf der Straße statt, an der frischen Luft und in der Natur. Auch ich bin froh darüber, dass es so etwas wie Zwift inzwischen gibt. Aber mental setzen mir in der Regel selbst 20 Minuten auf Zwift schon ziemlich zu. Nach der sechsten Auffahrt bin ich allerdings schon über sieben Stunden am Schwitzen. Die für mich relativ niedrige Trittfrequenz, die fehlende Möglichkeit, richtig im Wiegetritt zu fahren, und der enorme Flüssigkeitsverlust setzen mir ordentlich zu. Körperlich geht es nach wie vor ganz gut, mental wird es immer härter.

Dass draußen die Sonne scheint, macht es auch nicht unbedingt besser. In weiser Voraussicht haben wir uns vorher ein paar gute Radsportfilme und Dokumentationen zusammengestellt. Für mich ist die Berieselung auf dem TV-Gerät überlebensnotwendig. Meine Freundin bekommt nach ein paar Stunden davon kaum noch etwas mit, sie ist im Tunnel und kämpft sich immer weiter durch. Mental ist sie deutlich stärker als ich, was das Quälen auf dem Smarttrainer betrifft. Sie weiter kämpfen zu sehen, hilft auch mir dabei, nicht irgendwann genervt einfach das Handtuch zu werfen. Zäh ist und bleibt es trotzdem, und es wird immer schlimmer. Für die letzten beiden Auffahrten benötige ich etwas mehr als 1:08h. Physisch wäre es wahrscheinlich noch schneller gegangen, psychisch ging es für mich einfach nur noch darum, das Everesting irgendwie zu beenden.

Bei der neunten Auffahrt hatte ich nur rund die Hälfte des Anstiegs zu bewältigen, dann waren die 8.848 hm endlich voll und ich hatte es geschafft. Nach etwas weniger als 10:30h war ich fertig. Fix und fertig!

Meine Freundin benötigte noch rund 2,5h, dann war auch sie nach ziemlich genau 13h fertig. Wahnsinn, wie gut sie das mental weggesteckt hat! Ich persönlich bin mir nicht sicher, ob mein Kopf es noch viel länger ausgehalten hätte. In den letzten Stunden der Quälerei hatten wir beide immer immer wieder betont, so etwas nie wieder zu machen.

Letztendlich waren wir aber trotzdem sehr froh, das virtuelle Everesting zusammen durchgezogen zu haben. Ein paar Stunden danach konnten wir sogar schon wieder darüber lachen. Ob wir so etwas tatsächlich nie wieder machen?! Gute Frage. Ein virtuelles Everesting vermutlich wirklich nicht mehr, aber wir könnten ja auch noch die 10.000hm an der Alpe du Zwift vollmachen. Irgendetwas wird uns mit Sicherheit wieder einfallen. Nächstes Jahr hat meine Freundin ja wieder Geburtstag. Übrigens: Ich habe auch bald Geburtstag…