„Meine Erfahrungen an Radbegeisterte weitergeben“

Gerald Ciolek, Sportlicher Leiter des RennRad Cycling Club (R2C2), über sein Engagement für Hobbyfahrer und die Zeit nach seinem Ausstieg aus dem Profiradsport.

Nach Deinem Abschied als Profi hast Du Dir zunächst eine Auszeit genommen. Was waren die Gründe?
Gerald: Ich habe mich nicht mehr als Radprofi gefühlt. Die Welt war mir fremd geworden. Das lag auch an meiner Situation – dass die Erfolge gefehlt haben und ich nicht mehr in diesem Sport aufblühen konnte. Ich hatte immer öfter das Gefühl, fehl am Platz zu sein, beispielsweise abends in den Hotels, am billigen Buffet stehend, immer mit denselben Leuten. Du bist 200 Tage im Jahr unterwegs. Mein letztes Jahr bei Stölting war auch schwierig, weil ich auf einmal wieder in einem ganz kleinen Team gefahren bin. Das hat mich auch nicht mehr motiviert.

Foto: Stefan Mays

Hast Du diese Entfremdung früher schon gespürt?
Ja, sicher. Und so ging es auch anderen Fahrern. Andy Schleck kam mal bei der Tour de Suisse zu mir, kurz bevor er auch aufhörte, und sagte: „Gerald, du bist wie ich, du hast auch keinen Bock mehr.“ Mit Dominic Klemme habe ich mich während der Vuelta mal darüber unterhalten, bei einem meiner letzten Rennen bei MTN. Er sagte: Wir fahren die ganze Zeit nur hinterher, ich möchte mal etwas anderes machen. Wenn man nicht mehr den Drive hat, muss man sich irgendwann zurückziehen.

Warum fehlte der „Drive“?
Das ist ein Kreislauf: Die Motivation stimmt nicht, die Erfolge stellen sich nicht mehr ein, und dann steht das Team nicht mehr hinter einem. Mit 30 muss man zehn Mal mehr Erfolge fahren als mit 20, um bei der Wahl des Teams noch eine Auswahl zu haben. Ich habe keinen attraktiven Vertrag mehr bei einem größeren Team bekommen. Das hätte mich vielleicht noch mal motiviert.

Foto: Stefan Mays

Gerade hat sich Marcel Kittel von Katusha verabschiedet und auch eine Auszeit genommen. Was rätst Du ihm in dieser Situation?
Marcel ist, wenn er fit ist, einer der weltbesten Sprinter, daran wird er auch gemessen. Eine Auszeit ist bestimmt die richtige Entscheidung, im nächsten Schritt wäre es eventuell eine gute Option, sich für ein Team zu entscheiden, wo die Verantwortung nicht nur bei Ihm liegt und er sich durch kleinere Erfolge, welche dort mehr Wertschätzung erfahren, wieder zurück an die Weltspitze fährt.

Du engagierst Dich als Sportlicher Leiter im R2C2. Was reizt Dich an der Aufgabe?
Ich habe als 14-Jähriger nicht mit dem Radsport begonnen, um einmal damit Geld zu verdienen, oder mit dem Ziel, große Rennen zu gewinnen, es war einfach der Spaß am Radfahren. Diesen Enthusiasmus sieht man bei allen Hobbyfahrern, das wirkt sehr inspirierend und man besinnt sich wieder auf den Grundgedanken des Radfahrens. Auf der anderen Seite ist es aber auch schön, Erfahrungen weiterzugeben und Radbegeisterten Menschen etwas Einsicht in Welt des professionellen Radsports zu geben. Radfahren macht natürlich mehr Spaß, wenn sich persönlich weiterentwickelt, und dabei würde ich die Mitglieder gerne bestmöglich unterstützen.

Foto: Stefan Mays

Wie profitieren die Mitglieder von Deiner Expertise?
Wir werden uns regelmäßig austauschen: Wir planen beispielsweise „Sprechstunden“ auf Facebook und Webinare, in denen ich die Mitglieder bei ihren Fragen berate. Außerdem planen wir, bei verschiedenen Veranstaltungen wie Jedermannrennen uns auch persönlich auszutauschen und gemeinsame Ausfahrten zu unternehmen.

Was machst Du neben Deiner Aufgabe im R2C2 im Radsport?
Ich bin ebenfalls als Sportlicher Leiter beim Continental Team Dauner-Akkon tätig. Die Aufgaben dort sind etwas anders als beim R2C2, mehr Organisation bei den Rennen und die taktische Ausrichtung der Mannschaft, aber unterm Strich geht es auch darum, Erfahrungswerte weiterzugeben und die Fahrer damit in ihrer Entwicklung zu unterstützen.

Welche Erfahrungen hast Du bisher als Sportlicher Leiter bei Dauner – Akkon gemacht? Wie ist es, jetzt auf der anderen Seite, im Teamauto statt im Sattel, zu sitzen?
Der Austausch und die Arbeit mit den vorwiegend noch sehr jungen Fahrern macht Spaß, es ist schön zu sehen, dass man mit seiner Erfahrung viel bewirken kann. Ich bin selber etwas überrascht wie viel Spaß ich an der Aufgabe gefunden habe und dankbar wieder etwas näher dran am Sport zu sein, der lange mein Leben bestimmt hat. In die neue Perspektive bin ich, soweit ich das beurteilen kann, schnell reingewachsen und an dem einen oder anderen verregneten Tag auch froh hinterm Steuer zu sitzen und nicht auf dem Sattel.

Die Jedermann-Szene entwickelt sich dynamisch. Wie schätzt Du die Entwicklung für die Zukunft ein?
Eine etwas zwiespältige Entwicklung in den letzten Jahren: Der Jedermann-Sport weist mittlerweile zum Teil Strukturen auf, die dem Profi-Niveau nahe kommen. Grundsätzlich ist es zu begrüßen, wenn sich mehr Menschen für den Radsport begeistern, ich denke aber, dass man nicht vergessen darf, dass es in erster Linie um den Spaß am Radfahren geht, daher denke ich, dass der Großteil der Szene sich auch in Zukunft darauf besinnt und die breite Masse es weiterhin als ambitioniertes Hobby betrachtet. Spaß am Sport und persönliche Entwicklung sollten immer vor Platzierung im Tagesergebnis stehen.

Mehr Infos zu Gerald Ciolek:

Gerald Ciolek – der Sportliche Leiter im Profil

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