Dirty Saxony: Sachsen im Sattel entdecken

Über drei Tage und 380 Kilometer mit 6200 Höhenmetern vom Vogtland zur Lausitz, über Wald- und Schotterpisten – die ostdeutsche Dirty-Kanza-Variante im Selbstversuch.

Kurz hinter Rittersgrün fängt die Rampe an, eine Passage mit 18 Prozent Steigung läutet den Anstieg zum Fichtelberg ein. Die Auffahrt zum bekanntesten Berg im Erzgebirge, oberhalb von Oberwiesenthal und nur unweit der deutsch-tschechischen Grenze, ist an sich keine große Herausforderung – wenn der Weg über den Asphalt gewählt wird. Die Wald- und Schotter-Piste ist dagegen tückisch. Immer wieder löst sich das Vorderrad vom Boden, weil der Weg sehr steil wird. Gewichtsverlagerung nach vorne. Wiegetritt. Der Hinterreifen rutscht durch. Jetzt ruhiger pedalieren. 

Fotos: Markus Weinberg

Fast 15 km lang ist die Auffahrt insgesamt, die letzten 2,5 Kilometer führen kerzengerade zur Spitze des 1215 Meter hohen Bergs. Es wird kühler und neblig. Vor mir kämpft sich eine früher gestartete Gruppe über die letzten Hundert Meter. Jetzt nicht absteigen. Dann ist er geschafft, der größte Anstieg des Tages. Erinnerungen werden wach, an die Bergankunft der Deutschlandtour 2004, bei der Patrik Sinkewitz in einem packenden Finale am Fichtelberg sein gelbes Trikot verteidigte – nachdem er zahlreiche Angriffe von Jens Voigt, Jan Ullrich, Gonzelez de Galdeano und Francisco Mancebo pariert hatte. 82 Kilometer Schotter- und Waldpiste liegen hinter uns, nur noch 30 vor uns, am ersten Tag der „Dirty Saxony“.


„Dirty Saxony“ ist Teil der „Dirty Gravel“-Event-Serie, die wir mit unseren Partnern TransOstRideabout und Prostyle entwickelt haben. Hier weitere Infos. 


Drei Tage lang leitet der insgesamt 380 Kilometer lange Weg den Graveller über 6200 Höhenmeter durch Sachsen mit Abstechern ins angrenzende Tschechien: von Reichenbach im Vogtland über die höchsten Berge des Erzgebirges, durch felsige Täler und Schluchten der Sächsischen Schweiz, entlang schöner Stauseen und Talsperren bis in die Hügellandschaft der Lausitz, zum Ziel in Görlitz. 

Das Gros der Strecke führt über breite Waldautobahnen und feine Schotterwege – die der Graveller vom namengebenden Vorbild aus den USA, Dirty Kanza (siehe Kasten), kennt. Doch anders als das legendäre Rennen in Kansas ist das vom früheren Radprofi Markus Weinberg (s. Interview) veranstaltete Dirty Saxony kein Wettkampf, sondern eine geführte Gravel-Tour, mit regelmäßigen Verpflegungsstopps und Begleitfahrzeug – letztlich die Entdeckung Sachsens aus dem Sattel heraus. 

Doch trotz des vergleichsweise hohen Komforts für die Fahrer bleibt Dirty Saxony eine sportliche Herausforderung. Zwischen 100 und 160 Kilometer sind die Tagesetappen lang – was bei einem Schnitt von 18 bis 20 Stundenkilometer auch lange Tage im Sattel bedeutet. Am ersten Abend zeigen sich bei einzelnen Teilnehmern schon erste Ermüdungserscheinungen. Doch am nächsten Tag entschädigt erneut die vielfältige Strecke entlang der Tschechischen Grenze für die müden Beine. Immer wieder führt der Blick über die Bergketten weiter und weiter, ausladende grüne Höhenzüge reichen bis zum Horizont und werden von kleinen Laubwäldern unterbrochen. Dann die verschlafen erscheinenden Böhmischen Dörfer, in denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Zucker für die Augen, der dem Körper immer wieder zu neuer Energie verhilft.

Das Besondere an diesem Wochenende ist neben der Landschaft auch das Wetter: Nach wochenlanger Dauerhitze gab es kurz vor Start der Gravel-Reise einen Temperatursturz. Gerade am zweiten Tag sorgen Regenschauer immer wieder für eine angenehme Abkühlung, gerade bei steilen Anstiegen. Und doch werden die Wolken am Nachmittag immer dunkler, über dem Landstrich Rosenthal-Bielatal, das wildromantische Wander- und Klettergebiet in der Sächsischen Schweiz, braut sich ein Gewitter zusammen. Der einsetzende Starkregen sprengt die Gruppen, die einen fahren durch, die anderen suchen Zuflucht unter imposanten Felsformationen. Als Gewitter und Regenfront abziehen, verwandeln sich die Täler in verwunschene Nebelwüsten – eine imposante Kulisse für den Nachmittag.

Sportlicher Höhepunkt des zweiten Tages ist der Kahleberg, mit über 900 Metern Höhe der höchste Gipfel auf der sächsischen Seite des Osterzgebirges. Der Anstieg ist nicht schwierig, der Weg größtenteils asphaltiert. Oben angekommen, ergibt sich eine schöne Aussicht auf mehrere, ursprünglich für den Bergbau angelegte Teiche. In weiter Entfernung ist bei guter Sicht Richtung Norden das ganze Osterzgebirge bis nach Dresden zu überblicken. Und auch die fast 150 Kilometer entfernte Schneekoppe im Riesengebirge ist unter guten Bedingungen zu sehen. 

Über 150 Kilometer zeigt das Navigationsgerät am Abend an, die längste Strecke der Tour ist gemeistert. Am Lagerfeuer tauschen wir unsere Eindrücke des Tages aus. Besonders viel Lob erfährt dabei eine junge Tanzpädagogin, die erst vor einer Woche erstmals auf einem Gravel-Bike saß – und an diesem Wochenende jeden Anstieg meistern sollte. Cheforganisator Markus Weinberg erzählt von vielen Radreisen nach Osteuropa, von den Eindrücken seines Selbstversorgerrennens „TransOst Challenge“, das von Bayreuth bis ans Schwarze Meer führt und zu dem er 2018 einen Kinofilm produziert hat. Das nächste Filmprojekt: ein Film mit und über den Extremsportler Jonas Deichmann und dessen Triathlon um die Welt.

Dritter Tag: 105 Kilometer bis nach Görlitz. Die insgesamt nur knapp 1400 Höhenmeter täuschen über zahlreiche Rampen hinweg, die das Sägezahn-Profil der Tagesstrecke garnieren. Erneut machen sich im letzte Drittel der Etappe die schlappen Beine bemerkbar. Doch entscheidend sind nicht müde Muskeln, sondern die nachlassende Aufmerksamkeit, die bei rasenden Schotter-Abfahrten zur Dauergefahr wird. Die letzte Hürde auf dem Weg nach Görlitz sind die Königshainer Berge und dort der Hochstein, der mit 400 Metern zweithöchste Gipfel des Massivs. Die Steigungen reichen bis an 20 Prozent heran – das letzte Mal Durchbeißen vor der langen Abfahrt zur östlichsten Stadt Deutschlands und dem Ziel von Dirty Saxony an der Europabrücke.