Die Maratona dles Dolomites – eine Prozession, die der Natur huldigt

Fantastische Natur- und körperliche Grenzerfahrungen plus perfekte Organisation – diese Kombination macht den Reiz des Radmarathons durch die Dolomiten aus. Nur wer hier mitfährt, versteht die philosophische Grundierung des Rennens.

Spätestens am Start wird deutlich, dass die Maratona dles Dolomites – Enel kein gewöhnliches Rennen ist. In der Luft knattern zwei Hubschrauber des italienischen Fernsehsenders RAI, um die ersten Bilder des Morgens zu übertragen. Die Objektive der Kameraleute richten sich jedoch nicht auf ein Feld aus Profifahrern, sie fangen keine Bilder von Stars auf schmalen Pneus ein, sondern weitestgehend von Unbekannten. Von mehr als 9000 Jedermannfahrern, die sich in einer langen Schlange im Südtiroler Dorf La Villa in der Nähe von Corvara aufgereiht haben, um in wenigen Minuten pünktlich um 6.30 Uhr ihre Maratona zu starten.

Eine lange Menschen-Schlange
wartet um 6 Uhr morgens auf den Start in La Villa.

Sechs Stunden lang wird der staatliche Sender dieses Jedermannrennen übertragen, mit einem 40-köpfigen Team und fünf Kameras – eine mehr als RAI beim Giro d‘Italia einsetzt. Was in anderen Ländern undenkbar wäre, der Jedermannszene eine solch riesige mediale Bühne zu bauen, das ist bei der Maratona inzwischen geübte Praxis – und zeigt den riesigen Stellenwert der Veranstaltung in Italien.

Ganz vorne in der Schlange steht neben italienischen VIPs wie dem Ex-Radprofi Paolo Bettini (gewann fünf Monumente des Radsports) und der TV-Moderatorin Martina Colombardi auch Michil Costa, ein Hotelier aus Corvara, der in Südtirol bekannt ist wie ein bunter Hund (s. das Interview auf S. 94). Das liegt nicht nur an seinem extravaganten Kleidungsstil – am liebsten Sakkos in knalligen Farben mit riesigen Blüten im Einsteckloch. Costa ist der Mastermind der Maratona, Cheforganisator und kreativer Kopf – kurzum: die Person, die das Heer der Freiwilligen steuert und der Maratona zudem das ideologische Fundament liefert. Von ihm stammen die philosophisch getränkten Texte, mit denen die Veranstalter das jeweilige Motto der Austragung vorstellen. 2019 ist das „Duman“, das ladinische Wort für „morgen“ – eine Zukunft, so Costa, in der wir mit der Bedrohung der Erde und der gesamten Menschheit zurecht kommen müssen.

Fast abfahrbereit: der Heißluftballon im Startbereich.

Und so wundert es nicht, dass Costa kurz vor dem Start des Rennens selbst ein Gebet für die Fahrer ins Mikro spricht, bevor er sein Hochrad besteigt und die ersten Fahrer ins Rennen lotst. Große Gesten, große Worte.
Man mag Costas philosophisch-religiösen Einlassungen belächeln – schließlich geht es um etwas Profanes wie ein Radrennen. Und doch erschließt sich der Sinn und Zweck dieser Überhöhung erst dann so richtig, wenn man selbst bei der Maratona mitfährt.

Hintergrund dessen ist einerseits der überaus anspruchsvolle Parcours: Drei Strecken über 55 km, 106 km und 138 km stehen zur Auswahl, denen neben der Sperrung für den sonstigen Verkehr gemein ist, dass es fast nur bergauf oder bergab geht – Flachstücke sind weitestgehend Fehlanzeige. Im Zentrum der Strecken steht die Sellaronda, eine 55 km lange Umrundung des Sella-Massivs, das von vier Gebirgspässen umgeben wird: dem Campolongo-Pass, dem Pordoijoch, dem Sellajoch und dem Grödner Joch. Die mittlere Distanz enthält darüberhinaus eine Schleife über den Campolongo (zweite Überfahrt), den Passo Falzarego und Valparola, die Langstrecke schließlich zusätzlich die Überquerung des Passo Giau, einer der schwierigsten Anstiege der Dolomiten.

Foto: Sportograf

Zum anspruchsvollen Parcours kommt die einzigartige Landschaft in den Dolomiten, die für viele Radfahrer zu den weltweit schönsten Destinationen ihrer Leidenschaft gehören. Nach jeder Kurve ergeben sich neue Blicke auf atemberaubende Felswände, im ersten Teil des Rennens meist auf den prächtigen plateauförmigen Bergstock des Sella-Massivs, das an seiner breitesten Stelle etwas mehr als sieben Kilometer misst.

Die fast sechsstündige Live-Übertragung der Maratona.

Es ist wohl die Mischung aus der großen sportlichen Herausforderung und der prächtigen Landschaft, die im Fahrerfeld schon nach den ersten absolvierten Pässen zu einer eigentümlichen Atmosphäre – besonders während der nächsten Auffahrten – führt: andächtige Stille. Unter den Teilnehmern wird kaum gesprochen, die meisten Fahrer sind mit sich und der Landschaft beschäftigt, einzig das Surren der Ketten und manchmal lautes Atmen sind zu hören. Dies ist das Kontrastprogramm gerade zu den ersten Abfahrten, darunter die vom Campolongo-Pass mit den zahlreichen 180-Grad-Kurven, wo Hektik vorherrscht: Schnelle Gruppen rasen von hinten vorbei, immer wieder werden Warnrufe und Flüche ausgestoßen, Bremsen quietschen, es riecht nach Gummi.

Foto: Sportograf

Die kilometerlange Menschenschlange auf Rädern, die sich über die Pässe und durch die Täler erstreckt, wirkt später wie eine endlose stille, ja ehrfürchtige Prozession. Eine Prozession, die hauptsächlich der überwältigenden Natur huldigt. Ein Gedanke, von dem es nicht mehr weit ist bis hin zu Michil Costas philosophisch und auch metaphysisch aufgeladenen Einlassungen rund um sein Radrennen.

Und schon wird deutlich, warum sich Costa & Co. mit zahlreichen Charity-Aktionen für das Gemeinwohl einsetzen, sei es zum Wohle von Imkern in Uganda oder im Kampf gegen die Verschmutzung des Äolischen Meers (s. S. 86). Es ist das Bedürfnis, angesichts der reichen landschaftlichen Geschenke der Natur in dieser Region jenen etwas zu geben, die es schlechter haben, deren Umfeld bedroht ist, die nicht jeden Tag in eine wundervolle Natur blicken. Darum engagieren sich die Organisatoren so stark gegen Umweltverschmutzung, insbesondere indem die Verwendung von Plastik während der Veranstaltung reduziert wird – mehrfach wurden Fahrer in den vergangenen Jahren disqualifiziert, die ihre Plastikflasche, wie bei Profirennen üblich, gegen Ende des Rennens weggeworfen haben, auch wenn es sich dabei um einen der Führenden handelte. „Wie kann es sein, dass die Fahrer beim Giro reihenweise Plastik wegwerfen – der Giro sollte sich an uns orientieren“, mahnte Michil Costa bei der Pressekonferenz vor der Maratona 2019.

Foto: Sportograf

Die Schönheit der Natur, so Costas Mission, soll mit allen Mitteln so lang wie möglich konserviert werden, auch „morgen“ noch. Oder in seinen Worten: „,Für das Morgen wird es keine Sicherheit geben‘, dichtete schon Lorenzo von Medici in seinem Lied an Bacchus. Sich Gedanken über die Zukunft zu machen, ist mehr als berechtigt, es ist notwendig.“


Der Text stammt aus dem Buch „Das härteste Rennen über die bleichen Berge. Die Maratona dles Dolomites – Enel 2019“. Das in drei Sprachen erschienene Buch umfasst neben Rennberichten auch eine Chronik des Rennens und eine Übersicht zum außergewöhnlich schönen Parcours durch die Dolomiten. Das Buch richtet sich speziell an die Teilnehmer des Radmarathons und kann von diesen nach der Bestellung personalisiert werden: Die Fahrer können ihre eigenen Bilder ins Buch drucken lassen.


Die Maratona ist aber nicht nur eine Hommage an die Landschaft, sondern auch an den eigenen Körper und dessen Leistungsfähigkeit. Je nach Strecke sammeln die Teilnehmer auf vergleichsweise wenig Kilometern zwischen rund 1800 und 4200 Höhenmeter, was besonders für Flachländer eine große Herausforderung ist. So verwundert es nicht, dass an der Mür dl Giat, dem letzten Anstieg des Rennens, mehrere Fahrer am Ende ihrer Kräfte sind. An der so genannten Katzenmauer, einer kurzen Rampe von 360 Metern mit bis zu 19 % Steigung kippen sie einfach um, weil sie die Kurbel nicht mehr schnell genug herumwuchten können.

Erschöpft, aber glücklich waren die meisten Teilnehmer im Zielbereich.

Dass die Teilnehmer bereit sind, bis an ihre Grenzen und darüberhinaus zu gehen, liegt auch an den Zugangsbedingungen bei der Maratona: Fast die Hälfte der Starterplätze, insgesamt rund 4200, wird verlost – und bei über 30.000 Bewerbungen sind die Chancen nicht gut, zu den Glücklichen zu gehören. Weitere 4000 Startplätze können über die offiziellen Reiseveranstalter oder als Charity-Tickets gekauft werden, was jedoch relativ teuer ist – den Aufpreis gegenüber dem normalen Teilnahmebeitrag von 115 Euro spenden die Organisatoren wohltätigen Zwecken.

Auch abseits der Strecke feierten Fans den Radsport, hier mit historischen Rädern und passender Kleidung.

Im Umkehrschluss heißt das: Wer bei der Maratona antreten darf, oft nach Jahren des Wartens, macht sich selbst großen Druck, das Rennen auch zu bewältigen, auch wenn das viel Schweiß und Schmerzen kostet. Viele Fahrer trainieren monatelang speziell für diesen Radmarathon. Wer in diesem Jahr im Rennen durch die „Bleichen Berge“ fahren darf, kann schon im nächsten Jahr wieder außen vor sein. Nur wer bei 14 Maratona-Austragungen das Ziel erreicht hat, ist als „Fidelity Member“ im nächsten Jahr sicher wieder dabei.

Eine von sechs üppig ausgestatteten Verpflegungsstationen.

Was die Fahrer neben der Landschaft und der reizvollen körperlichen Grenzerfahrung außerdem motiviert, sich immer wieder neu zu bewerben, ist die perfekte Organisation des Rennens, die sich an vielen Stellen zeigt: Die sechs Verpflegungsstellen sind so üppig ausgestattet wie bei kaum einem anderen Radrennen (s. „Die Maratona in Zahlen“). Gleiches gilt für den Zielbereich, wo die Fahrer die verbrannten Kalorien in Rekordzeit wieder ihrem Körper zuführen können.

Unterwegs ist die Streckenführung klar ausgeschildert. Einige Streckenstücke wurden vor dem Rennen neu asphaltiert; an vielen Stellen warnen auf den Asphalt gesprühte Ausrufezeichen vor gefährlichen Passagen. Nach Stürzen dauert es nur wenige Minuten, bis ein Krankenwagen vor Ort ist. Im kommenden Jahr ist die Maratona der „Arte“ gewidmet, der Kunst. Man darf gespannt sein, welche philosophische Brücke Michil Costa bis dahin zum Radmarathon schlägt. Fest steht jedoch schon heute: Die Kunst, ein großes Radrennen perfekt zu organisieren, beherrschen die Organisatoren.


Die Maratona dles Dolomites 2019 in Zahlen

  • Bewerbungen für die Startplätze: 31.600 aus 81 verschiedenen Nationen
  • Teilnehmer: 9038 aus 72 verschiedenen Nationen
  • Teilnehmer, die sich nach sechs für sie nicht erfolgreichen Auslosungen über die Hoffnungsrunde qualifizierten: 881
  • Anzahl der durch Fahrer vertretenen italienischen Provinzen: 104 (von insgesamt 107).
  • Ältester Teilnehmer: der Italiener Marco Pugliese (81 Jahre alt).
  • Stars und Sternchen, die 2019 bei der Maratona mitfuhren: Paolo Bettini (gewann fünf Monumente des Radsports), Martina Colombardi (italienische Schauspielerin und Moderatorin), Daniel Fontana (erfolgreichster italienischer Ironman), Alex Zanardi (früherer italienischer Automobilrennfahrer sowie als Handbiker Paralympics-Weltmeister), Davide Cassani (ehemaliger Radrennfahrer, Manager der italienischen Radsport-Nationalmannschaft)
  • Anzahl der Fernsehkameras, mit denen der italienische Sender Rai das Rennen live übertrug: 5 (Vergleich Giro d’Italia: 4)
  • Anzahl der ehrenamtlichen Helfer: 1520
  • Anzahl ihrer investierten Arbeitsstunden: über 23.250
  • Ausstattung der 6 Verpflegungsstationen: 2100 kg Bananen, 800 kg Orangen, 10.500 belegte Brötchen, 320 kg Käse, 280 kg Schinken, 800 kg Kuchen und Süßwaren, 4500 Liter Cola, 9000 Liter Mineralwasser, 11.500 Liter Mineralstoffe, 11.000 Teller Tortellini und 8500 Koteletts und Bratwürste.
  • Anzahl der Plastikflaschen, die per Recycling zu Westen für die Teilnehmer verarbeitet wurden: 46 Flaschen pro Gilet